Das Thema des 27. Interuni-Seminars: „Tourismusg

 

Reisen hat es in der Menschheitsgeschichte immer gegeben. Von Alters her wurde über Reisen, beispielsweise entlang der Seidenstraße, verschiedenste Pilgerreisen oder gar Entdeckungsreisen der neuen Welt viel erzählt und geschrieben. Im deutschen Mittelalter musste man eine Bildungsreise antreten, wenn man Meister werden wollte, und in der Edo-Zeit wollte jeder Japaner einmal im Leben den Ise-Schrein besuchen, denn das war damals eben die repräsentative Art des Reisens für den Durchschnittsbürger.

 

Ganz anders ist es um den Begriff „Tourismusg bestellt. Das Wort wurde erst im 19. Jahrhundert erfunden. Das deutsche Wort „Tourismusg hat eigentlich mit Studium oder Geschäftsreise kaum etwas zu tun, ist aber mit dem Urlaub sehr verbunden.

Erst im 20. Jahrhundert hat die Menschheit so richtig die Möglichkeit entdeckt, als Touristen zu reisen. Ermöglicht wurde Tourismus einerseits – der industriellen Revolution sei Dank – durch eine rasante Entwicklung der Verkehrsmittel wie z.B. der Eisenbahn. Andererseits wurde Urlaub erstmals unter der neu entstandenen Arbeiterklasse möglich, so dass die Arbeitnehmer begannen, massenhaft ihren Urlaub anzutreten. Das heißt, wenn man die Geschichte des Tourismus studiert, würde man gleichzeitig auch die veränderten Arbeitsbedingungen beobachten können, die mit dem Fortschritt der Verkehrsmittel einhergingen.

 

Außerdem entsprach wohl der Entstehungsprozess der touristischen Attraktionen im 19. Jahrhundert, in dem sowohl in Japan als auch in Deutschland die „Sehenswürdigkeiteng erst entdeckt/erfunden, gepflegt und schließlich verschiedenste Reiseführer über sie verfasst wurden, dem Bedürfnis der damaligen Bürger nach ihrer nationalen Identität. In diesem Sinne können wir durch unsere Beschäftigung mit dem Thema „Tourismusg auch gut die Entstehungsgeschichte der modernen Gesellschaft in Deutschland und in Japan beleuchten.

 

Andererseits kann man das Thema Tourismus nicht ernsthaft behandeln, ohne dabei auch die Probleme und Widersprüche in der Welt ins Auge zu fassen. Inzwischen zählt der Tourismus zu den weltweit größten Wirtschaftszweigen. Im Laufe der Globalisierung wird der Tourismus immer mehr kommerzialisiert. Vor allem die Deutschen sind als reise- und urlaubslustiges Volk bekannt: Es wird gesagt, dass Drei von vier Deutschen jährlich in einen Urlaub von mindestens 5 Tagen fahren. Dabei dürfen wir nicht vergessen: Der Urlaub ist immer noch ein Privileg der Menschen in den Industrieländern. Nur ein winziger Teil der Dritten Welt profitiert vom Tourismus, während der Tourismus in manchen Regionen der dortigen gesellschaftlichen Struktur und der Umwelt sogar schadet. Der Tourismus ist demnach auch ein geeignetes Thema, um sich mit dem Problem des Nord-Süd-Gefälles im Zeitalter der postkolonialen Welt auseinanderzusetzen. Das Wort „Tourismusg ist zumindest im Deutschen heutzutage nicht unbedingt positiv besetzt, wie Wortbildungen wie „Massentourismusg oder „Sextourismusg zeigen.

 

Heutzutage sind jedoch auch neue Tendenzen bemerkbar. Es gibt immer mehr Menschen, die sich gegen derartig negativ besetzten Tourismus wenden und nach individuelleren und umweltschonenderen Reisen suchen. Sanfter Tourismus/nachhaltiger Tourismus ist in Deutschland in. So vielseitig man den Begriff Tourismus beleuchten und kritisieren kann: genau so vielseitig wollen wir auch auf dem Interuni-Seminar dieses Jahr engagiert darüber diskutieren. Wir wollen – ganz egal ob man bereits einmal nach Deutschland gereist ist oder nicht – zusammen auf Deutsch denken, diskutieren und über unseren idealen Tourismus nachdenken.