Ausschreibung zum 31. interuniversitären Sommerseminar

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mit dem Thema:
Ambivalenz des Fremden: Reiz der fremden Kultur, Angst vor dem Anderen


Van Gogh - Die Kurtisane
(nach Eisen) (1887)  
Modewörter wie „Interkultureller Austausch(異文化交流)“ oder „Interkulturelle Kommunikation(異文化間コミュニケーション)“ sind in Japan immer noch „in“. Als gelungene Situation einer interkulturellen Kommunikation stellt man sich in Japan etwa vor, dass man sich in fließendem Englisch mit Ausländern „schick“ unterhält. Nicht umsonst tauchen diese Modewörter häufig in der Werbung vieler Sprachschulen in Japan auf. Natürlich ist auch denkbar, dass der interkulturelle Austausch deshalb in Japan gern thematisiert wird, weil man weiß, wie schwierig er eigentlich ist. Auf jeden Fall ist jedoch anzunehmen, dass dabei die beiden Stichwörter „Ausländer“ und „Englisch“ stillschweigend vorausgesetzt werden. Findet sich jedoch eine fremde Kultur immer nur im Ausland oder bei ethnischen Gruppen, zu denen man nicht gehört? Sind die Nichtübereinstimmung der Geschmacksrichtung bei Ehepartnern oder aber die Streitigkeiten in der Nachbarschaft über Hausmüllentsorgung nicht auch Beispiele einer Fremdkulturalität?  Was ist eigentlich eine „fremde“ Kultur?

Das Gegenteil von „fremder“ Kultur ist die „eigene“ Kultur, oder besser: Erst wenn man zwischen einer fremden und der eigenen Kultur Grenzen zieht, entsteht eine fremde Kultur. Dabei können solche Grenzen eigentlich nur subjektiv und willkürlich gezogen werden, je nachdem, wie man sich seine eigene Kultur unbewusst vorstellt. So reden wir normalerweise nicht von einer fremden Kultur bei täglichen Missverständnissen in der eigenen Muttersprache; dagegen verstehen viele allein den Kontakt mit Ausländern bzw. mit fremden ethnischen Gruppen als interkulturellen Austausch. Hinter diesem merkwürdigen Verständnis von „Fremdkulturalität“ stehen wohl die althergebrachte Gleichsetzung von Kultur und Nation sowie unsere Neigung, fremde Objekte zu pauschalisieren und sich dadurch davon zu distanzieren.

Mal reizt und mal beängstigt uns die Fremdheit nach dem Prinzip der Beliebigkeit: Die einen Fremden wecken unsere Neugier, von ihnen wird man geradezu fasziniert, und man hofft, mit ihrer Hilfe der eigenen Alltagsbanalität entfliehen zu können. Die anderen Fremden sind von vornherein unbequem und nicht willkommen. In sie projiziert man oft gerade seine eigenen Ängste, liest ihre vermeintliche Feindseligkeit oder gar Barbarei heraus und wird ihnen gegenüber misstrauisch, was im schlimmsten Fall zu Aggressivität und Gewaltbereitschaft führt. Reiz und Angst, Sehnsucht und Minderwertigkeitsgefühle gegenüber der fremden Kultur mischen sich häufig so komplex, dass Fremde oft gleichzeitig bewundert und verabscheut werden. Ein Beispiel für diese Paradoxie war das Japanbild in Europa im ausgehenden 19. Jahrhundert, als viele Europäer von Japan sehr fasziniert waren (Japonismus) und sich fast gleichzeitig bedroht fühlten (Gelbe Gefahr).

Über diese Ambivalenz des Fremden wollen wir im Interuni-Seminar 2009 gemeinsam diskutieren. Wie sahen zum Beispiel die Begegnung mit und die Rezeption der deutschen Kultur in Japan aus? Wie entstand der Diskurs des Kannibalismus in den europäischen Kolonien? Wir könnten aber auch über Migrantenkultur oder über sexuelle Fremdkulturalität sprechen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Im Seminar werden wir zunächst in drei Gruppen arbeiten, in denen jeweils knapp zehn Teilnehmer anhand der vorbereiteten Texte diskutieren und ein Protokoll erstellen. Im anschließenden Plenum werden alle Teilnehmer auf Grundlage der Protokolle gemeinsam diskutieren. Die Tagungssprache ist im Prinzip Deutsch. Allerdings wird Studenten, die sprachliche Schwierigkeiten haben, immer auch auf Japanisch geholfen. Für Diskussionsmüde gibt es in der Freizeit hervorragende Möglichkeiten zur sportlichen Betätigung im und am Nojiri-See (Schwimmen, Joggen, Radfahren usw.). Am Nachmittag des 3. August ist eine kleine Exkursion vorgesehen.

Es ist also ein in jeder Hinsicht intensives Seminar zu erwarten. Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme und auf die heißen Diskussionen am Nojiri-See im Sommer 2009!

      

Vorgesehene Lehrkräfte:

ADACHI Nobuhiko (Univ. Tokyo)
AIZAWA Keiichi (Univ. Tsukuba)
Stefan Buchenberger (Frauenuniv. Nara)
Ralph Degen (Hitotsubashi Univ.)
Mechthild Duppel-Takayama (Keio Univ.)
Arne Klawitter (Univ. Kyoto)
Thomas Pekar (Gakushuin Univ.)
SAITO Sho
(Univ. Osaka)
YOSHIJIMA Shigeru (Seitoku Univ.)

Termin: von 1. 8. (Sa) bis 5. 8. 2009 (Mi)
Ort:      Pension  „Hotori-so(ほとり荘) am Nojiri-See, Präfektur Nagano

Teilnahmegebühr:  39.000 Yen (4 Übernachtungen, Vollpension)

Fahrtkosten sind nicht enthalten. Die Fahrt mit einem Charterbus zwischen Tokyo (Shinjuku-Bhf) und dem Seminarort kostet hin und zurück 9.000 Yen.

Teilnehmerzahl: insgesamt ca. 25 Teilnehmer

Anmeldefrist: 25. Juli 2009 bzw. bis zum Erreichen der vorgesehenen Teilnehmerzahl

Bei Fragen wenden Sie sich bitte an das Organisationskomitee

Das Anmeldeformular zum Interuni-Seminar: www.interuni.jp/anmeldung
(oder Anmeldung über Handy auch möglich: www.interuni.jp/keitai

 

Das Interuni-Seminar ist ein seit 1979 bestehendes interuniversitäres, interkulturelles und interdisziplinäres Ferienseminar für japanische und deutsche Studenten, Doktoranden, Absolventen und Professoren verschiedener Fächer von verschiedenen Hochschulen. Es wird dort auch versucht, den Geist des „Inter-Lernens“ zu realisieren, indem man über verschiedene Grenzen wie Nation, Kultur, Position (Lehrer/Schüler) oder Geschlecht hinweg frei diskutiert. Daher ist das Sommerseminar der geeignete Ort zur Selbstreflexion und selbstkritischen Standortbestimmung aller Teilnehmer. Im Sommerseminar gibt es keinen Deutschunterricht, sondern es wird vor allem über aktuelle Themen auf Deutsch diskutiert. Auch in diesem Jahr werden Gäste aus Korea eingeladen. Das Interuni-Seminar wird somit zum Diskussionsforum der interkulturellen Begegnung für alle Teilnehmer mit der Kommunikationssprache Deutsch.


        Falls Sie bei der Anmeldung Schwierigkeiten haben oder keine Antwort-E-Mail auf Ihre Anmeldung erhalten sollten, melden Sie sich bitte direkt beim Organisationskomitee

※        Weitere Informationen zum Interuni-Seminar unter: http://www.interuni.jp/
※           Bericht über das letzte Seminar 2008 unter: http://www.interuni.jp/30s/
※           Themen der bisherigen Sommerseminare unter:http://www.interuni.jp/Sommergeschichte.html

Stand: Juni 2009  
Änderungen vorbehalten

Das 31. interuniversitäre Sommerseminar wird veranstaltet vom
Organisationskomitee des Interuniversitären Sommerseminars

(geleitet von Prof. AIZAWA Keiichi und Prof. SAITO Sho)

unter Mitwirkung des Deutschen Akademischen Austauschdiensts DAAD und
des Goethe-Instituts