Interuni - ein Memoire

Sh.Yoshijima


1978, als ich von einem zweijährigen Deutschlandaufenthalt im Rahmen eines Stipendiums der Alexander von Humboldt-Stiftung zurückkam, bekam ich einen Anruf eines damaligen Kollegen, Professor Hikaru Tsuji, der jetzt noch als Ehrensenator der Universität München für deutsch-japanische Angelegenheiten tätig ist. Er fragte mich, ob ich bereit sei, die Organisationsarbeit für ein "interuniversitäres" Seminar zu übernehmen. Damals war der Initiator des Seminars, Prof. Kenichi Mishima (jetzt Universität Osaka), für einen zweijährigen Forschungsaufenthalt nach Deutschland gegangen. Man brauchte einen neuen Organisator.

Was zur Gründung des Sminars bewogen hatte, weiß ich nicht genau. Ich war damals nicht ganz zufrieden mit dem Stand der Germasnistik, mit der Abteilung für German Studies an der Universität Tokyo, so dass ich fast sofort zusagte, um bei einer Reform mitzuwirken. Wie ich hinterher gehört habe, lieferte der Umstand, dass die Abteilung für German Studies plötzlich über zehn Fachstudenten bekommen hatte, ebenfalls einen Grund für die Einrichtung des Seminars. Reformlustige Kollegen fanden wir nicht nur an der Universität Tokyo, sondern auch an verschiedenen Universitäten, um nur einige zu nennen, Prof. Osamu Kutsuwada (Gakushuin-Universität), Professor Kohji Ueda (jetzt Universtiät Tsukuba). Da fehlte es auch auf der deutschen Seite nicht an Mitstreitern. Dr. Hans Joachim Althof (Universität Tohoku, verstorben), Dr. Gerhard Krebs (Waseda-Universität), Dr. Kajo Niggestich (Goethe-Instituts Tokyo, Pädagogische Verbindungsarbeit, jetzt Leiter des Goethe-Instituts Mailand), Dr. Ulrich Lins (damals und jetzt wieder Leiter der Zweigstelle Tokyo des DAAD). Es ging also um so eine Zusammenarbeit dieser unternehmungslustigen Kollegen.

So hat es bei mir mit der Interuni angefangen, unterstützt vom Goethe-Institut Tokyo und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst. Zuerst hatte das Seminar keinen Namen. Beim dritten Seminar, 1979, wollten wir endlich einen Namen für das Seminar haben. Wir haben einen Preis ausgeschrieben, und ein Student, Yoshihiko Saito (jetzt Professor für Germanistik an der Universität Hirosaki), hat ein Wörterbuch als Preis für seinen Vorschlag gewonnen: "Interuni-Seminar". Diesen Namen haben wir als Kurznamen oder Kosenamen genommen, und damit er einen noch ordentlicheren Klang hätte, haben wir daraus eine offizielle Benennung gemacht: Interuniversitäres Seminar für deutsche und japanische Kultur.

Da dieses Seminar seine Energie sozusagen aus der Frustration geschöpft hatte, war es kein Wunder, dass wir von Kollegen nicht immer gern gesehen wurden. Aber typisch japanisch war es auch, dass es dabei nicht zu grundsätzlichen, theoretisch-pädagogischen Auseinandersetzungen kam. Wir haben einfach weiter gemacht, und andere haben es zugesehen und das Ganze toleriert.

Widerspruch gab es einmal unter den studentischen Teilnehmern, als wir 1980 über ein linguistisches Thema (Kommunikation) arbeiten wollten. Mitten im Seminar gab es einen Putsch der Teilnehmer. Sie wollten das Programm ändern. Die studentischen Teilnehmer haben dann in zwei Parteien getrennt gearbeitet, die eine mit dem vorgegebenen und die andere mit einem eigenen neuen Programm. Wir Lehrer haben bloß mitgemacht oder mitmachen müssen. Wie ich später von einem der „Putschisten“ gehört habe, soll die Unzufriedenheit am Mangel an historischen Aspekten gelegen haben, was mich sehr überraschte. Geschichte (also Diachronie) und Deskription von Fakten (Synchronie) sind für Linguisten wie mich zwei Sachen, die sich nicht einfach verbinden lassen. Offensichtlich hat sich die Trennung beider Dimensionen bei den meisten anderen geisteswissenschaftlichen Studenten noch nicht, vielleicht immer noch nicht ganz durchgesetzt. Linguisten sind ja in dieser Hinsicht Käuze, ich auch.

Nach einigen Jahren hatte ich die Gelegenheit, unser Seminar einem breiten Publikum vorzustellen, „Doitsugo Kyoikubukaiho“ (Bericht des japanischen Deutschlehrerverbandes) Heft 21 1982. Da habe ich unsere Idee mit vier Begriffen wiedergegeben. Der erste ist bekanntlich die „Interuniversitärität, interuniversitäre Zusammenarbeit“, der zweite die „Interkulturalität“, um japanische und deutsche Kultur vergleichend zu betrachten, der dritte die „Interdisziplinarität“, um fächerübergreifend beide Kulturen zu erforschen, und der vierte das „Interlernen“. (Dieser letzte Begriff war nicht mehr in einer Zusammensetzung von Wörtern lateinischer Herkunft auszudrücken, wir mussten uns daher mit einem Hybridkompositum zufrieden geben.) Mit dem vierten wollten wir die herkömmliche Barriere zwischen den Studierenden und Lehrenden abbauen, es sollte nämlich nur um die Überzeugungskraft der jeweiligen Argumente oder um das Gewicht der jeweiligen Aussage gehen. Im Laufe der Jahre erschien es uns aber immer wichtiger, bei der Beschäftigung mit verschiedenen Gegenständen nicht nur abstrakt auf einer wissenschaftlichen Ebene zu bleiben, sondern sie auch aus der Perspektive des Alltags zu sehen und die Thematik und Problematik in diesem Zusammenhang zu behandeln. Also das fünfte Inter, wofür ich noch keinen adäquaten Begriff kenne, ist vielleicht die „Interdimensionalität“?

Unter diesen fünf Leitideen können die erste und fünfte in der bisherigen Praxis als bewährt gelten. Die vierte hat eher programmatischen Charakter. Am eifrigsten haben wir uns aber im Seminar um die Realisierung der zweiten und dritten Ideen bemüht. Dies auf einmal zu verwirklichen ist ja eine schwierige Aufgabe und ist uns nie so ganz gelungen. Ich finde es aber wichtig, dass wir trotzdem die beiden Ziele immer im Auge behalten. Was ich damals geschrieben habe, möchte ich daher jetzt noch einmal unterstreichen.

Nun gibt es zwei Interuni-Seminare, nein eigenlich noch mehr. Das Seminar, das wir zuerst gegründet haben, hatte StudentInnen vom ersten Studienjahr bis zu DoktorandInnen als Adressaten. Schon nach einigen Jahren war der Unterschied zwischen den älteren Teilnehmern und den jüngeren Teilnehmern, und zwar nicht nur in ihren Deutsch-, sondern auch in ihren Fachkenntnissen, so groß, dass man ihren Wünschen nicht mehr in einem einzigen Seminar gerecht werden konnte. Das war vielleicht auch ein Grund für den Putsch beim vierten Seminar. Deshalb habe ich mit Herrn Niggestich gesprochen und wir haben uns entschlossen, ein zweites Seminar für jüngere StudentInnen (vom ersten bis zum vierten Studienjahr) zu gründen. Hier sollte der Schwerpunkt eher auf dem Sprachtraining liegen. Auch hier gelten die oben genannten fünf Ideen des "Inter" weiter. Somit wird beim älteren Seminar der Schwerpunkt auf die inhaltliche fachliche Seite verschoben. Dies bedeutet nicht, das wir bei diesem Seminar auf Sprachtraining verzichten, sondern wir wollten sprachliche Fertigkeiten von der Seite des Inhalts, mit dem heutigen Modeworte "contents" fördern. Dass man etwas unbedingt mitzuteilen hat, funktioniert immer als gute, starke Motivation für den sprachlichen Ausdruck und somit bietet sich die Gelegenheit, auch sprachliche Fertigkeiten auf diese Weise zu verbessern. Auch im neuen Seminar wird auf das Thematische nicht verzichtet. Hier soll es im Rahmen eines Themas, wie z.B. Familie u.a. versucht werden, sich über bestimmte Dinge Gedanken zu machen und sie zum Ausdruck zu bringen. Es geht eher um den Ansatz und um unterschiedliche Schwerpunktsetzungen.

Das ursprüngliche Seminar heißt nun „Interuniversitäres Seniorenseminar“, aber seit drei Jahren, „Sommerseminar“. Und das jüngere „Juniorenseminar“

Übrigens darf ich hier die Unterstützung der Dokkyo-Universität nicht vergessen. Für das Juniorenseminar bietet sie das Haus ihres Ferienwohnheims in Kashi bei Shirakawa für ermäßigte Gebühren an. Ohne diese Hilfe wäre die Durchführung des Seminars sehr schwer gewesen, und in der Zukunft noch schwerer, wenn alle DAAD-Lektoraten für Japan abgeschafft werden, und wenn wir vom DAAD keine Unterstützung mehr erhalten können, in der Art dass er die Kosten für DAAD-Lektoren übernimmt. Die Unterstützung des Goethe-Instituts hat jetzt auch nicht mehr das gleiche Gewicht, da der Wechselkurs zwischen D-Mark bzw. Euro und Yen ungünstiger steht als in den früheren Jahren.

Neben diesen zwei Seminaren, bei denen ich schon seit 20 Jahren mitmache, haben sich inzwischen weitere Interunis gebildet. Herr Volker Avenmarg (Goethe-Institut Kyoto), der einmal unser Juniorenseminar in Kashi besucht hatte und davon begeistert war, hat in Kansai ein entsprechendes, und bald auch in Kyushu ein anderes Seminar initiiert.

Es gab übrigens auch ein anderes Seniorenseminar in Kansai, auf der Initiative von Prof. Munehito Sonoda (damals Universität Osaka, jetzt in Düsseldorf), der auch einmal bei unserem Sommerseminar mit dem Thema „Romantik“ als Gastprofessor mitgewirkt hat.

In diesen zwanzig Jahren hat sich viel verändert. So ein Seminar ist keine Seltenheit mehr, an verschiedenen Universitäten werden verschiedene mehrtägige Intensivkurse mit Übernachtungen angeboten. Jetzt werden wir uns nicht mehr mit Andersgesinnten konfrontiert, dafür haben wir etwas an tragenden Kräften und Energien fürs Seminar eingebüßt, nicht nur von japanischer Seite sondern auch von deutscher Seite. Vielleicht steckt dahinter auch die Entwicklung, dass vieles am Seminar zu Routine geworden ist, und dass sich Interkulturalität und Interdisziplinarität in unserer universitären und geisteswissenschaftlichen Welt mehr oder weniger als Selbstverständlichkeit durchgesetzt haben. Wenn wir zu dieser Entwicklung auch ein wenig beigetragen haben, sollten wir uns schon damit zufrieden geben. Aber wenn so ein Seminar weiter einen Sinn haben soll, brauchen wir auch frischen Geist und Unternehmungslust für die weitere Entwicklung.

Ich selbst leite zwar nicht mehr das ganze Seminar, ich beteilige mich aber gerne weiter als älterer Kollege mit Erfahrungen, meine jüngeren Kollegen haben mich in der Planung und Organisation des Seminars abgelöst, z.B. Prof. Kiichiro Oishi (Universität Tokyo), Prof. Kazumi Sakai (Keio-Universität) und Prof. Yoshitaka Kakinuma (Dokkyo-Univeristät), um nur die Hauptorganisatoren zu nennen. Sie werden immer von engagierten Kollegen und Mitarbeitern von japanischer sowie von deutscher Seite mit neuen frischen Ideen unterstützt. Aber sie werden sich sicherlich in Zukunft gerne durch die nächste Generation ablösen lassen.

Die Liste der bei den beiden Seminaren behandelten Themen sowie weitere Informationen sind per Internet-Home-Page erhältlich. http://web.hc.keio.ac.jp/~skazumi/interuni/

 


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